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Bericht : Religionsblindheit der Linken in Zeiten des Rechtsrucks?

Unter dieser Überschrift fand am 24./25. April 2026 ein religionspolitisches Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin statt

Wichtige Fakten

Datum
24.04.2026 - 25.04.2026
Themenbereiche
GK Weltanschaulicher Dialog

Details

Gegenüber Linken wird häufig der Vorwurf formuliert, dass diese die Bedeutung von Religion und damit auch deren gesellschaftspolitische Dimension unterschätzt, falsch bewertet oder dieser unkritisch gegenübersteht. Teilweise gehen Linke davon aus, dass Religion angesichts zunehmender Säkularisierung automatisch an Bedeutung verliert und deshalb keiner besonderen Aufmerksamkeit mehr bedarf. Zugleich aber lautet der Vorwurf gegenüber anderen Teilen der Linken, dass diese aus Gründen von Antirassismus oder Minderheitenschutz religiöse Praktiken weniger kritisch hinterfragen würden wie z.B. bei Themen wie Frauen- oder LGBTQ-Rechte oder Fragen der Meinungsfreiheit. Aber auch hierzu werden Gegenpositionen formuliert, die eher auf ein Nebeneinander von unterschiedlichsten Positionen innerhalb der Linken verweisen, auf unterschiedliche Perspektiven oder auf divergierende Abwägung von Rechtsgütern, von Menschen- und Freiheitsrechten bis hin zur Frage der Gewichtung von Religionsfreiheit als grundlegendes, in der Verfassung verankertes Recht. 

Gerade angesichts von Krieg, Krisen, geopolitischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, die Zunahme rechter evangelikaler Kirchen und der wachsenden Bedeutung eines neuen Rechtskatholizismus wie in der Regierung Trump müssen sich auch Kirchen und Glaubensgemeinschaften zunehmend gegen autoritäre Regierungen oder gegen die zur Macht drängenden rechten Parteien und Bewegungen zur Wehr setzen. Selbst in Deutschland liegt inzwischen in den traditionell am stärksten katholisch geprägten Bundesländern wie dem Saarland oder Baden-Württemberg der Anteil der AfD bei Wahlen bzw. in den Umfragen bei ca. 20 Prozent. Vor diesem Hintergrund positionieren sich die beiden christlichen Kirchen eindeutig und klar gegen die AfD, während auf dem politischen Feld die Brandmauer bröckelt. Zugleich wurde im parlamentarischen Raum die Forderung erhoben, die Kirche solle sich statt auf das politische Tagesgeschäft auf sinnstiftende Fragen und Seelsorge zurückziehen. 

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage nach der Rolle von Religionen und Kirchen in unserer Gesellschaft neu.  Welche Bedeutung haben sie im Kampf gegen den Rechtsruck? Wer bestimmt, welchen Platz in der Gesellschaft sie einnehmen und normativ gestalten sollen, wenn die Zahl der Glaubenden abnimmt und zugleich aber auch die religiöse Vielfalt zunimmt, die religiöse institutionalisierte und nicht institutionalisierte Landschaft diverser wird? Welche Rolle spielen Religionen, Kirchen und Glaubensgemeinschaften im Kampf gegen den Rechtsruck von Politik und Gesellschaft? Welche Rolle spielen sie, wenn es darum geht, das humanistische Erbe in Zeiten von Krieg, Krise und gesellschaftlicher Transformation zu verteidigen aus Perspektive von Linken? Und wie denkt die stark säkular geprägte Partei Die Linke über Religion und Kirche und deren Platz in der Gesellschaft und in den heutigen Auseinandersetzungen? 

Die Linke und Religion

Die Veranstaltung begann mit einem Rückblick von Petra Pau (ehem. Vizepräsidentin des deutschen Bundestages) zu ihren eigenen Erfahrungen mit der Kirche in der DDR und den späteren Debatten innerhalb der Partei Linkspartei-PDS, bzw. die Partei Die LINKE. Die PDS habe lernen müssen, dass Religionsfreiheit kein Zugeständnis, sondern ein Grundrecht sei. Danach mussten sich auch spätere Programmentscheidungen der Partei ausrichten – ein schwieriger Lernprozess der damaligen Linken, der zugleich auch der Aufarbeitung des Scheiterns der DDR und einem neuen Selbstverständnis der Partei verbunden war. 

Inzwischen hat sich jedoch mit dem Eintritt vieler neuer junger Leute in den letzten beiden Jahren die Zusammensetzung der Partei Die Linke stark verändert. Damit aber gehören frühere Lernprozesse der Partei, auch das Ringen der Linkspartei um ihr Verhältnis zu Religion und Kirche nicht mehr zum gemeinsam erarbeiteten Fundament der Partei. Auch der Abschlussbericht der religionspolitischen Kommission der Linken aus dem Jahr 2022, mit wichtigen Positionsbestimmungen für die Partei, sei kaum bekannt. Professor Franz Segbers (Theologe, Mitglied des Gesprächskreises weltanschaulicher Dialog bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung) betonte in seinem Beitrag, dass die Frage nach dem Verhältnis der Partei Die Linke zur Religion auch lauten müsse: Verhältnis zu welcher Gestalt der Religion?

Kirche und Politik 

Es folgten religionssoziologische Überlegungen von Professor Dr. Detlef Pollack zum Verhältnis von Religion und Politik, sowie ein Panel zur gesellschaftspolitischen Rolle der Religionen in Deutschland. Dr. Patrick Schnabel (Oberkirchenrat, Theologischer Referent bei der Bevollmächtigten des Rates der EKD) und Claudia Gawrich (Leiterin der Arbeitsgruppe Kirche und Gesellschaft des Zentralrat der Katholiken, ZdK)  gingen in ihren Beiträgen insbesondere auf Auseinandersetzungen mit Rechtsextremismus bzw. der AfD ein. Dr. Schnabel verwies darauf, dass das Kirchenrecht resilient gemacht werde, um AfD-Mitglieder in Ämtern oder Ehrenämtern zu verhindern, Frau Gawrich betonte noch einmal, dass völkischer Nationalismus mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild deshalb auch ein haupt- oder ehrenamtlicher Dienst in der katholischen Kirche unvereinbar sei. Die AfD habe deshalb auch keinen Platz auf Katholikentagen – auch nicht auf Deutschen Evangelischen Kirchentagen wie Dr. Schnabel ergänzt. Sowohl Herr Dr. Schnabel als auch Frau Gawrich erteilten der Forderung, die Kirche solle sich aus der aktuellen Politik heraushalten und sich den grundlegenden Fragen zu Leben und Tod stellen, eine klare Absage. Allerdings zieht das sich Einmischen in die aktuelle Politik auch politische Diskussionen und Kontroversen unter dem eigenen Kirchendach nach sich, wie derzeit in der evangelischen Kirche zu Krieg und Frieden – vor allem auch infolge der neuen EKD-Friedensdenkschrift. Im Kolloquium selbst drohte diese Debatte auch die Diskussion des Panels zu dominieren.  

Frau Dr. Franziska Schneider (Geschäftsführerin des Humanistischen Verbands Deutschlands, HvD) sprach sich aus der Sicht ihres Verbands für ein gesellschaftspolitisches Engagement von zivilgesellschaftlichen Akteuren aus, einschließlich von Kirchen und Glaubensgemeinschaften oder eben Organisationen wie der HvD, die sich bewusst konfessionslos definieren. Aus ihrer Perspektive sind Kirchen in der Gesellschaft Orte die verbinden und Gemeinschaft stiften, Werte vermitteln und vielen Menschen bei der Orientierung im Leben helfen. Und auch wenn sie seit der Aufklärung zunehmend unter Druck stehen, sollte man ihren kulturellen Wert, ihre Tradition und ihre gewachsene ethische Reflexion nicht unterschätzen. Gleichzeitig vertrete der Humanistischer Verband ein anderes Fundament: ein Wertekonzept, das den Menschen selbst in den Mittelpunkt stelle – seine Würde, seine Freiheit, seine Verantwortung. Dabei verstehe sich der Humanistische Verband nicht als Gegenmodell zu Kirchen oder Glaubensgemeinschaften, sondern als Verband mit eigenständiger Perspektive, mit vielen ethischen Schnittmengen, aber auch klaren Unterschieden. Das heißt auch: die Kirchen sind für den HvD selbstverständliche Kooperationspartner; sie arbeiten vielerorts ganz konkret zusammen – in Projekten, in Initiativen, im Alltag. Gerade in einer Gesellschaft, die sich zunehmend in unterschiedliche Lebenswelten aufteilt, braucht es Akteure, die Brücken bauen und den Dialog gerade auch dann aufrechterhalten, wenn es Unterschiede gibt. Eine pluralistische und divers gestaltete Gesellschaft brauche plurale Angebote.

Rechte und Religion

Das dritte Panel war überschrieben mit „Religion als Machtressource der Rechten und Strategien gegen ihre Vereinnahmung“. Carlotta Voß (Forschungsinstitut für Philosophie Hannover) analysierte dazu die Situation in den USA unter Trump und ging insbesondere der Frage nach, wie Religion zu einem Machtfaktor der Politik Trumps werden konnte. Sie nannte als wesentliche Ursachen die sozioökonomische Ungleichheit im Spannungsverhältnis zum liberal-demokratischen Normenhorizont von Freiheit und Gleichheit – einem Aufstiegsversprechen, das für immer mehr Menschen längst nicht mehr realisierbar ist. Aber auch der digitale Raum werde als Nährboden für nicht Institutionen-gebundene Religiosität zunehmend von rechten und konservativen Akteuren bespielt, unterstützt von Netzwerken rechter Thinktanks mit religiösem Bezug. Letztlich biete auch die Amorphität der religiösen Sprache zeige sich als anschlussfähig für Krisen- und Leiderfahrung unterschiedlicher Provenienz. 

Einen ganz anderen Zugang wählte Charlotte Jacobs (Stipendiatin der RLS) aus feministisch-theologischer Perspektive zu den Vernetzungen des Rechtskatholizismus im kirchlichen Raum und seinen Auswirkungen auf die Frauen- und Gleichstellungspolitik, alternative Lebensweisen, Projekte und Strukturen. Ihr war es zudem wichtig, Wege der Gegenwehr, des vernetzten Widerstands aufzuzeigen dem die Klassenanalyse zugrunde gelegt werden müsse. D. h., der Kampf gegen die AfD müsse die Demokratie verteidigend zugleich Klassencharakter tragen.

„Mitmachfaschismus“ in der Kirche

Diesem Anspruch stellt Michael Moser (Diplomsozialwissenschaftler am Institut für Kirche und Gesellschaft) die harten Realitäten vor Ort gegenüber. Er beschrieb die Differenz zwischen den Erklärungen der Kirchen und dem realen kirchlichen Leben in den Gemeinden, deren Brandmauern gerade auch dort, wo die AfD gesellschaftlich mehrheitsfähig wird, längst einreißen. Es gäbe inzwischen auch innerhalb der Kirchen in Deutschland einen „Mitmachfaschismus“. D. h., rechte Kräfte gäbe es auch in der Kirche, rechte Ideologie würde nicht nur von außen hereingetragen. In diesem Zusammenhang wurde die Frage gestellt, ohne ausdiskutiert zu werden: „Warum die Demokratie die Religion brauche?“. Wiederholt wurde darauf verwiesen, dass Losungen wie „Unsere Fahne hat kein Kreuz“ nicht ausreichen, auch nicht Darstellung moralischer Überlegenheit. Vielmehr brauche es eine andere Politik- wie auch eine antikapitalistische Wirtschaftspolitik. 

Humanismus und Religion

Das vierte Panel stand unter der Überschrift „Das humanistische Erbe gemeinsam verteidigen – gegen wen?“ Professor Hans Joas (Sozialphilosoph, HUB) griff zunächst noch einmal die Frage nach der Religion unter den Bedingungen der Säkularisierung auf und erläuterte seinen Begriff der „säkularen Option“. Dieser bedeute eben keinen Wegfall von Religiosität, sondern ein „Hinzutreten von Etwas“, d. h. neben den Tendenzen der Säkularisierung treten zugleich auch neue Tendenzen der Sakralisierung bis hin zur Sakralisierung von Politik. Das humanistische Erbe – so Joas Kernidee – speist sich ebenso wenig wie der moralische Universalismus nicht aus einer einzigen Kultur, sondern wird zum Ergebnis historisch immer auch kontextgebundener Entwicklungen. Dabei sind die Menschenrechte als moderne Artikulationsform des moralischen Universalismus historisch spezifisch geprägt und immer auch durch politischen Missbrauch gefährdet. Entscheidend sei, wie sich das Spannungsverhältnis von moralischem und politischem Universalismus konkret beschreiben lässt. Joas erläutert dies u. a. am Beispiel der wechselhaften Entwicklung der Religionspolitik in der Sowjetunion und China. Özlem Nas (Schura Hamburg) begann ihre Ausführungen damit, dass Humanismus für sie bedeute, wahrzunehmen, wenn Menschen ungerecht behandelt werden. Um dagegen vorgehen zu können, müsse man sich vernetzen. Dabei dürfe man nicht davon ausgehen, dass die eigene Art zu leben, der Anspruch sei, wie alle Menschen zu leben haben. Weiterhin dürfe man heutzutage Demokratie nicht als gesichert denken. Es dürfe nicht nur über die Brandmauer gesprochen werden, sondern auch über Politik der CDU von Friedrich Merz, über gesellschaftliche Entwicklungen, die den Aufstieg der AfD immer wieder befördern. 

Alle Teilnehmer*innen waren sich einig, dass das Gespräch weiter fortgeführt werden solle, insbesondere zur Frage von Krieg und Frieden. Dazu plant der Gesprächskreis „Weltanschaulicher Dialog“ eine eigene Veranstaltung.

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