Pressemeldung | Hamburg Remember

Mit unserer Reihe Hamburg Remember möchten wir auf relevante historische Ereignisse aufmerksam machen, dabei die Linke in ihrer Pluralität – von der historischen Arbeiter*innenbewegung, über diverse soziale bis hin zu gewerkschaftlichen und migrantischen Bewegungen – abbilden und an ihre Kämpfe erinnern. Also gewissermaßen Beiträge zu einer linken Stadtgeschichte Hamburgs leisten.

Dabei geht es uns nicht zuletzt darum, Ereignisse herauszustellen, welche die politische Linke nachhaltig geprägt haben, ihre Erfolge und auch ihre Niederlagen aufzeigen. Aber auch an einzelne Personen erinnern,  die oftmals für die vielen namenlosen,  engagierten Menschen stehen, die in der offiziellen Erinnerungs- und Geschichtsschreibung nicht vorkommen.

Wir veröffentlichen die Reihe, die im Jahr 2019 begonnen hat, regelmäßig in Form von Beiträgen auf Facebook und Instagram – und jetzt auch hier auf unserer Website.

Hamburg Remember 2021

24. April 1971: Der "Verlag zum Studium der Arbeiterbewegung" wird beim Börsenverein des deutschen Buchhandels eingetragen. Die Ursprünge des Teams liegen in der Zeitschrift "Sozialistische Politik", die ein wichtiges Organ der neuen linken 68er-Generation war. Im Konflikt verlässt eine Gruppe um den damals 26-jährigen Joachim Bischoff die Zeitschrift und agiert zunächst als "Projekt Klassenanalyse"weiter, bis diese "Bischoff-Gruppe" dann den VSA-Verlag übernimmt. Zunächst hat das Kollektiv seinen Sitz in Westberlin, zieht aber 1979 schließlich nach Hamburg um. 

15. April 1960: Atomwaffengegner*innen aus verschiedenen Orten Norddeutschlands beginnen einen mehrtägigen Sternmarsch, der den Start der Tradition "Ostermarsch" begründen sollte. Das Ziel ist der Truppenübungsplatz Bergen-Hohne in der Lünburger Heide, wo die Nato nur wenige Monate Raketen stationieren ließ, die auch Atomsprengköpfe aufnehmen konnten. Am Ostermontag errreichte der Protestzug schließlich den Platz, um dort gegen "atomare Kampfmittel jeder Art und jeder Nation" zu demonstrieren. 1968 erreicht die Zahl der Teilnehmer ihren Höhepunkt mit 300.00o Teilnehmer*innen. 

29. März 2020: Die letzte Folge von Deutschlands ältester Fernsehserie wird ausgestrahlt. Zuvor versuchte die "Lindenstraße" 34 Jahre lang bundesrepublikanische Realität abzubilden. Dabei wagten sich die Macherinnen und Macher stets auch an gesellschaftlich brisante Themen heran. So zeigt die Lindestraße 1987 den ersten schwulen Kuss im deutschen Fernsehen, mehrfach wurde das Schicksal von Geflüchteten in der Serie thematisiert. Zuletzt kämpfen dei Bewohner*innen der Lindenstraße gegen die Gentrifizierung ihres Viertels. 

12. März 2011: In Hamburg-Eppendorf verliert ein Autofahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug, das in eine Gruppe Fußgänger schleudert. Vier Paassanten sterben bei dem Unglück, unter ihnen der Sexualwissenschaftler Günter Amendt. Jahrzehnte zuvor ist Amendt ein wichtiger Akteur der 68er-Bewegung. Als ehemals militanter Straßenkämpfer erlangte er erstmals 1970 bundesweite Bekanntheit mit der Veröffentlichung seines an Jugendliche gerichteten Aufklärungsbuches "Sexfront". Nach seiner Promovierung bleibt ihm aufgrund seiner Parteizugehörigkeit zur KPD die wissenschaftliche Karriere versperrt, stattdessen widmet er sich in Hamburg  als Redakteur der Drogenpolitik.  

23. Februar 1896: Herbert Weichmann wird geboren. In seiner Funktion als Berater des Preußischen Ministerpräsidenten unternimmt der Sozialdemokrat 1930 mit seiner Frau Elsbeth eine Reise in die Sowjetunion und verfasst einen Bericht, der sich kritisch mit den Lebensbedingungen im stalinistischen Staat auseinandersetzt. Die KPD sieht darin ein antikommunistisches Machwerk. Nach der Machtübergabe an Hitler können die beiden zu Kriegsbeginn in die USA fliehen. Hamburgs Bürgermeister Max Brauer kann ihn 1948 schließlich zur Rückkehr bewegen.

16. Februar 1994: Als erster staatlich finanzierter "Fixerraum" eröffnet das "Drug-Mobil". Drogenabhängigen wird seitdem die Möglichekit gegeben, stressfrei und unter sterilen Bedingungen Schüsse zu setzen. Der Betreiber freiraum hamburg e. V. vermittelt über den Drogenkonsumraum außerdem bei Interesse Kontakt zu Suchtkliniken und bietet freiwillige Programme zur Suchtbehandlung an.

12. Januar 1911: Robert Abshagen wird geboren. Der Sohn eines Hambuger Bäckergesellen soll die reformpädagogische Versuchsschule Telemannschule besuchen und im Alter von 20 Jahren der KPD beitreten. Als Kommunist wird Abshagen während der Nazidiktatur mehrfach verhaftet und sitzt mehrere Jahre im KZ Sachsenhausen. Ab 1941 konnte Abshagen mit mehren Gleichgesinnten ein Netzwerk von Betriebszellen  oppositionellen Kontaktpersonen aufbauen - die Jacob-Abshagen-Gruppe - bevor er enttarnt und hingerichtet wurde.

Hamburg Remember 2020

12. Dezember 1945: Sozialdemokrat*innen, Gewerkschaften und Genossenschaften einigen sich gemeinsam eine Neuorganisation der Hamburger Universität anzustreben, die ihren Ansprüchen an eine Demokratisierung von Gesellschaft und Wirtschaft gerercht wird. Ein Lehrstul für Gewerkschafts- und Genossenschaftswesen wird eingerichtet. Der Grundstein für die "Hochschule für Wirtschaft und Politik" (HWP) ist gelegt, an der auch ohne Abitur studiert werden konnten und die heute mit der Universität Hamburg fusioniert ist.

09. Dezember 2003: Die Regierungskoaltion aus CDU, FDP und der Partei Rechtstaatlicher Offensive (Schill-Partei) zerbricht. Ronald Schill hatte sich als Richter mit überharten Strafen und Forderungen nach höheren Strafmaßen bereits einen zweifelhaften Ruf als "Richter Gnadenlos" erarbeitet. Nach zahlreichen Skandalen und seinem Verseuch Ole van Beust zu erpressen, kündigte dieser die rechte Koalition auf.

08. November 1910: Die Kommunistin Elisabeth Rose wird in hamburg geboren. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme traf sie sich regelmäßig mit anderen Antifaschist*innen bei ihr Zuhause und im sportclub USC Paloma. Aus diesem Zusammenhang gründete sich 1936 die Etter-Rose-Hampel-Gruppe, die nach Kriegbeginn aktiv versuchte den Sturz des NS-Regimes voranzutreiben. Die Gestapo setzte mehrere Spitzel auf die Gruppe an und ermordete zwei ihrer Mitglieder. Elisabeth Rose wurde am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

01. November 2012: Arbeiter*innen von Neupack treten in unbefristeten Erzwingungsstreik. Mit dem Ziel der Erkämpfung eines Haustarifvertrags, der mit willkürlichen Lohnunterschieden und der Verweigerung von gängigen Arbeitsstandard Schluss gemacht hätte, befindet sich die Belegschaft bis Ende Juni 2013 im "Flexistreik". Das ausgeprägte Kräfteungleichgewicht drückte sich auch nach Ende des Streiks in freistlosen Kündigungen von beteiligten Menschen und der Heranschaffung von Leiharbeiter*innen aus Polen. 

05. Oktober 1995: Das Mercado eröffnet in Hamburg Ottensen. Zuvor kreisten heftige öffentliche Debatten um den Baugrund. Dort befanden sich die Überrreste eines Jüdischen Friedhofes aus dem 17. Jahrhundert, der während der Naziherrschaft enteignet und schrittweise zerstört wurde. Nach dem Krieg erwirkte die Jüdische Gemeinde die Rückgabe des Geländes, und verkaufte dieses. Der Friedhpf war in Vergessenheit geraten, bis bei Bauarbeiten Überrreste offen gelegt wurden. Bilder orthodoxer Juden, die von deutschen Polizisten von der baustelle getragen wurden, gingen um die Welt.

03. Oktober 1889: Carl von Ossietzky wird in Hamburg geboren. Nach dem ersten Weltkrieg engagierte sich der überzeugte PAzifist in der Deutschen Friedensgesellschaft in Hamburg, bevor er mit seiner Frau nach Berlin übersiedelte und später die Leitung der linkne Wochenzeitschrift "Weltbühne" von Tucholsky übernahm. In dieser Funktion wurde Ossietzky der Beleidigung der Reichswehr und des Landesverrates angeklagt und nach Machtübernahme der Nazis verschleppt. Die Ehrung mit dem Freidensnobelpreises erlebt t Ossietzky nach seiner Befreiung noch, bevor er 1938 und von KZ-Haft geweichnet, stirbt.

11. September 1901: Jonny Dettmer wird in Hamburg geboren. Dettmer gehörte der Roten Marine Neustadt an - eine Untersektion des seit 1929 verbotenen Roten Frontkämpferbund (RFB). Am 21. Februar 1933 gab es einem Überfall auf das „Adler Hotel“ in der Schanzenstraße 2-4., damals ein bekannter Treffpunkt der SA-Schergen; es fallen Schüsse. Im „Adlerhotelprozess“ oder „Rote Marine-Prozess“ werden Jonny Dettmer und 47 Kameraden angeklagt. Es werden acht Todesurteile gesprochen, darunter auch Dettmer.

07. September 1947: Im Sommer 1947 versuchten 4530 jüdische Überlebende des Holocaust mit Hilfe des Schiffes „Exodus“ aus Frankreich nach Palästina zu fliehen. Das Schiff gehörte der Untergrundorganisation Haganah, die seit den 30er Jahren versuchte Jüd*innen nach Palästina zu bringen
Jedoch wurde ihre Einreise verweigert.

22. August 1980: Der 22 jährige Nguyễn Ngọc Châu bei einem Brandanschlag auf ein Wohnheim in der Haskelstraße 72. neonazistischen Terrorzelle „Deutsche Aktionsgruppen“ um Manfred Röder. An der Wand des Wohnheimes hinterlassen sie den Schriftzug „Ausländer raus“. Es ist der tödliche Auftakt zu einer ganzen Reihe rassistischer Morde in Hamburg in den 1980er Jahren.

17. August 2008: Nach langjährigem Protest von linken Aktivist*innen, der Black Community sowie der Wandsbeker GAL- und SPD-Fraktionen wird die Bronze-Büste gegenüber des Wandsbeker Rathauses, die Heinrich Carl von Schimmelmann zeigt, endlich abmontiert. Schimmelmann, der als "Begründer der wirtschaftlichen Stärke Wandsbeks" geehrt wurde, kam vor allem durch die Ausbeutung von Sklav*innen und Waisenkindern zu seinem gigantischen Reichtum.

14. Juli 1939: Der Abriss der Synagoge auf dem Bornplatz beginnt. Die Stadt Hamburg zwang die jüdische Gemeinde mit Verweis auf ihr Rückkaufrecht, ihr das Grundstück ohne die Synagoge zu einem geringen Preis zu verkaufen. Die Kosten für den Abriss des Gebetshauses muss die Gemeinde selbst tragen. 

07. Juli 1930: Im Rahmen der „First International Conference of Negro Workers“ finden sich 17 kommunistische, schwarze Aktivist*innen in Hamburg mit dem Ziel ein, die Stadt zu einem zentralen Ort der Verknüpfung von panafrikanischem Aktivismus sowie der antikolonialen und antiimperalistischen Agenda der KomIntern zu machen.

20. Juni 1990: Student*innen der Universität Hamburg beschäftigen sich im Wintersemester 1989/1990 autonom mit »Homosexualität im Film« und entschließend sich, der oft stereotypischen Darstellung von Homosexuellen etwas entgegenzusetzen. Dabei entsteht das Lesbisch-Schwule Fimfestival, das heute mit 15.000 Besucher*innen jährlich eines der wichtigsten Treffen der queeren Community in Deutschland ist. 

14. Juni 1945: Joachim Ribbentrop, Nationalsozialist und Außenminister des Deutschen Reichs, wird in einer Pension im Hamburger Grindenviertel vom britischen Militär und Geheimdienst festgenommen. Nach Kriegsende war er aus Berlin geflohen, um einer Verhaftung zu entgehen und sich in Südamerika niederzulassen. 

24. Mai 1982: In den Morgenstunden des 24. Mai 1982 zündet sich die Schriftstellerin und Dichterin Semra Ertan an einer Kreuzung in St. Pauli an. Mit ihrem Suizid, welchen sie vorher beim NDR angekündigt hatte, protestiert sie gegen den wachsenden Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland. 

17. Mai 2014: Die Elbphilharmonie lädt zu einem "Tag der öffenen Tür" ein, zu dem nicht nur Gäste aus Politik und Kultur, sondern auch mehr als 1500 Kritiker*innen der neuen Konzerthalle unter dem Motto „Hafencity entern – Elbphilharmonie besichtigen“ kommen. Ihr Versuch, in die Elbphi zu gelangen, resultiert in dem ersten und vorerst letzten Einsatz von Wasserwerfern in der Hafencity. 

01. Mai 2008: Mehr als 10.000 antifaschistische Demonstrant*innen blockieren stundenlang kreativ den Nazi-Aufmarsch in Barmbek zum 01. Mai und verhindern so ihren Versuch, an die NS-Tradition des "Nationalen Feiertags des deutschen Volkes" anzuknüpfen. 

17. April 1958: Im Rahmen einer Demonstration gegen die Pläne der Bundesregierung, die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen auszustatten, versammeln sich rund 150.000 Menschen zum "Kampf dem Atomtod" auf dem Rathausmarkt. 

03. April 1915: Der Antifaschist und Spanienkämpfer Heinz Prieß wird in Hamburg geboren. Bereits als Jugendlicher ist er in kommunistischen Organisationen aktiv, flieht später ins Exil nach Dänemark und widmet sich dann dem Kampf gegen den Faschismus im Spanischen Krieg. 

17. März 1936: Der Kapp-Putsch endet, nachdem Arbeiter*innen mit einem Generalstreik das gesamte Land lahmgelegt haben. Auch in Harburg kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen: Rechtsradikale Putschisten verschanzen sich in einer Schule in Heimfeld, woraufhin die Einwohner*innen sie erfolgreich belagern und zwingen, sich zu ergeben. 

15. März 1936: Vor dem Hintergrund des Erstarkens nationalsozialisischer Kräfte knickt die Stadtregierung ein und genehmigt den Bau des "Kriegsklotz" am Dammtor-Bahnhof, ein Denkmal zur Glorifizierung von Kriegstaten im 1. Weltkrieg, das 1936 eingeweiht wird. 2015 entsteht unmittelbar daneben das Deserteurs-Denkmal, das an alle erschossenen, antifaschistischen Hamburger*innen erinnert. 

24. Februar 2010: Einwohner*innen von Altona und Aktivist*innen vernetzen sich und gründen die Initiative "Moorburgtrasse stoppen", um gegen die Pläne des Energiekonzerns Vattenfall und des schwarz-grünen Senats, eine Fernwärmetrasse zu bauen, zu protestieren. Der BUND reicht schließlich eine Klage gegen das Vorhaben ein - mit Erfolg. 

28. Januar 1972: Der sogenannte "Radikalenerlass", der zu einem einheitlichen Vorgehen gegen "Verfassungsfeinde" im öffentlichen Dienst verhelften sollte, wird vom ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt und den Ministerpräsidenten der Länder unterzeichnet. Formal gegen "Radikale" des linken wie rechten Spektrums gerichtet, trifft die existenzbedrohende Praxis vorwiegend linke Bewegungsaktivist*innen, Organisations- und Partei-Mitglieder. 

17. Januar 1906: Etwa 80.000 Arbeiter*innen gehen in den Ausstand, um gegen eine geplante Wahlrechtsreform, durch welche der Stimmanteil gering entlohnter Beschäftigter weiter abgesenkt würde, zu protestieren. Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Streikenden und der Polizei - das regressive Wahlrecht wird Ende Januar mit großer Mehrheit verabschiedet. 

Texte: Lene Kempe und Marcel Bois