Publikation Bildungsreisen als Lernzeit

Bildungsreisen sind ein regelmäßiges Veranstaltungsformat zahlreicher Landesstiftungen der RLS. Die einwöchigen Reisen werden in der Regel als Bildungsurlaub angeboten und finden im europäischen Ausland, aber auch regional in den Bundesländern statt. Einen Überblick über Inhalte, Selbstverständnis und didaktisches Konzept der Reisen bietet der Beitrag von Andreas Merkens, Referent für Politsiche Bildung der Rosa Luxemburg Stiftung. Der Artikel ist in dem Sammelband "Fünf Tage sind einfach viel zu wenig." Bildungszeit und Bildungsfreistellung in der Diskussion" (Wochenschau Verlag, 2021) erschienen.

Information

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) zählt zu den größten freien Trägern politischer Bildung in Deutschland. Bundesweit ist sie mit 16 eigenständigen Landesstiftungen vertreten, weltweit in 25 Auslandsbüros präsent. Als parteinahe Stiftung der Partei Die Linke versteht sich die RLS als offenes Diskussionsforum für kritisches Denken und politische Alternativen in demokratisch-sozialistischer Perspektive. Neben Vortrags- und Abendveranstaltungen, die rund die Hälfte der Angebote ausmachen, sind Seminare, Workshops, Gesprächs- und Lesekreise, Tagungen, Stadtrundgänge oder Ausstellungen gängige Formate.[1]

Über die aufgezählten Veranstaltungsformate hinaus sind in den letzten Jahren zahlreiche Landesstiftungen dazu übergegangen Bildungsreisen anzubieten. Seit 2012 wurden rund 80 einwöchige Reisen durchgeführt, vorwiegend im europäischen Ausland, aber auch regional in den Bundesländern. An dem inhaltlich wie zeitlich intensivem Angebot, konnten so bislang rund 1.500 Personen teilnehmen. Trotz der vergleichsweise hohen finanziellen Eigenbeteiligung der Teilnehmer*innen ist „Reisend Lernen“ stark nachgefragt.[2] Für die RLS stellen die, zumeist als gesetzliche Bildungsfreistellung anerkannten Reisen, ein attraktives Angebot der politischen Bildung dar. Die Freistellung durch den Arbeitgeber eröffnet den veranstaltenden Landesstiftungen neue Zielgruppen. Teilnehmende finden ihren Weg zu Bildungsveranstaltungen, die im Regelfall neben ihrer Lohnarbeit keine zusätzlichen zeitlichen Ressourcen für ein intensives Bildungsangebot aufbringen können. Weiterhin sind die Reisen aus politisch-bildnerischer Perspektive Herausforderung und Chance, verschiedene methodisch-didaktische Ansätzen zu verbinden und ein Lernen zu ermöglichen, das Anschauung, Dialog und Erfahrungsvermittlung mit intellektueller Begriffsarbeit und Reflexion zusammenführt.

 

Bildungsfreistellung – Raum für beruflichen und politischen Austausch

Die angebotenen Reisen sind in der Regel in einem oder mehreren Bundesländern als Bildungsfreistellung[3] anerkannt. Dort wo eine gesetzliche Anerkennung vorliegt, wird von ca. zwei Drittel der Teilnehmer*innen die Veranstaltung beim Arbeitgeber zur Freistellung für die politische Bildung eingereicht.[4] Evaluationen der Landesstiftungen haben weiterhin ergeben, dass mit der Anerkennung als Bildungsfreistellung vermehrt Teilnehmer*innen gewonnen werden, die als Besucher klassischer Bildungsformate (wöchentliche Abendveranstaltungen) unterrepräsentiert sind. Gemeint ist die Altersgruppe der 30 bis 55-jährigen, die in Vollzeit-Lohnarbeit eingebunden ist und häufig familiäre Sorgearbeit leistet. Auch bei vorhandener Bildungsaffinität ist es dieser Alters- und Sozialgruppe zeitlich oft nicht möglich, neben der alltäglichen Arbeitsbelastung Bildungsangebote wahrzunehmen. Anders als die Generationengruppen der Studierenden und Rentner*innen, die auf klassischen Veranstaltungen der politischen Bildung der RLS in der Regel überrepräsentiert sind. Das in der politischen Bildung vielfach beklagte „Teilnehmer U“ in der Altersstruktur, findet bei den Bildungsreisen so eine deutliche Abschwächung. 

Bei den beruflich freigestellten Teilnehmenden korrespondieren Reisethemen und Schwerpunkte häufig mit der eigenen beruflichen Profession. So sind etwa bei den angebotenen Reisen im Themenbereich Flucht- und Migration vielfach Beschäftigte aus Erstaufnahmeeinrichtungen, Integrationsstellen oder Asyl-Beratungseinrichtungen als Teilnehmer*innen angemeldet. Ähnlich verhält es sich bei Angeboten mit stadtpolitischen Themenschwerpunkten, auch hier sind häufig Berufsgruppen aus dem Feld der Stadtplanung und -verwaltung unter den Teilnehmenden. Obwohl die Bildungsreisen also keine Veranstaltungen der beruflichen Weiterbildung sind, sondern Angebote der politischen Bildung, besteht oftmals ein unmittelbarer Bezug zur eigenen beruflichen Praxis. Neben der beruflichen Profession sind es zudem politische Interessen sowie aktivistische Hintergründe, die die Teilnehmenden einbringen. Das eigene politische Engagement in zivilgesellschaftlichen Initiativen, Projekten und Vereinen ist bei den jeweiligen Veranstaltungen immer wieder ausschlaggebend für die Entscheidung, an einem Bildungsangebot teilzunehmen. Diese Erfahrungen aus beruflicher Praxis und politischen Aktivismus, kommen dann auch in den gemeinsamen Diskussionen zum Tragen, sie befördern den Dialog, sowohl unter den Teilnehmenden aber auch mit den Referent*innen oder den vor Ort engagierten politischen Akteuren in sozialen Projekten und Initiativen.

Für die gelungene Planung einer Bildungswoche ist es daher zentral, dass neben den Programmpunkten, die methodisch eher auf Präsentation, Wissensvermittlung und Begriffsarbeit zielen, genügend Raum für den Austausch von Erfahrungen, Ansichten und Standpunkten besteht. Denn häufig sind es gerade diese dialogischen Momente, die immer wieder über das formale Programm hinausreichen, welche die Woche für die Teilnehmenden zu einem nachhaltigen Lernereignis werden lassen.

 

Bildungsreisen als Lernzeit

Reisend Lernen heißt viel Zeit für Bildung zu haben. Neben den An- und Abreisetagen (i.d.R. der Sonntag bzw. Samstag) umfasst das Programm fünf Tage (Montag bis Freitag) mit jeweils sechs bis acht Zeitstunden täglich. Manche Reisen umfassen sogar zwei Programmwochen. Auch wenn für viele Teilnehmende die Woche häufig wie im Fluge vergeht, ist die zur Verfügung stehende Lernzeit also vergleichsweise umfangreich. Für die veranstaltende Landestiftung der RLS wie für die Teilnehmenden besteht damit die Chance, ein Thema in der Tiefe zu bearbeiten, verschiedene Aspekte und Sichtweisen tatsächlich aufzunehmen, historische Kontexte darzustellen etc. Die zur Verfügung stehende Zeit erlaubt es zudem, das Veranstaltungsthema mit einer Pluralität von methodisch-didaktischen Ansätzen zu bearbeiten und damit diverse und vielschichtige aufeinanderfolgende Lernerfahrungen zu ermöglichen. Eine gemeinsame Lernwoche umfasst bspw.: Rundgänge, Exkursionen, Besichtigungen, Begegnungen, Gespräche, Vorträge und Diskussionen.

Auf Bildungsreisen haben die Teilnehmenden also das Privileg, sich die Zeit nehmen zu können, einmal über den nur seminaristischen Rahmen hinauszugehen und dabei vor Ort, in unmittelbarer räumlicher und sinnlicher Begegnung ein politisches und soziales Thema zu bearbeiten.

Etwa, wenn auf einer Reise zum Nahostkonflikt eine israelische Grenzmauer besichtigt wird und ein Check-Point nach langer Wartezeit von den Teilnehmenden durchschritten wird. Wenn auf einer Bildungsreise zu den Auswirkungen der Finanzkrise in Spanien ein Programmpunkt die beobachtende Teilnahme an der politischen Praxis einer Stadtteilinitiative ist: Der abendliche Besuch einer offenen Stadtteilversammlung, der von Zwangsräumung bedrohten Bewohner*innen eines Stadtteils in Barcelona. Oder wenn das Gespräch mit einem Zeitzeugen im italienischen Marzabotto stattfindet, der die Teilnehmer*innen an einem Nachmittag durch die Ruinen seines von SS-Einheiten zerstörten Dorfes führt, in dem seine Familie mit über 700 weiteren Dorfbewohner*innen 1944 bei einem deutschen Rachefeldzug gegen die Zivilbevölkerung ermordet wurde.

Hier wird deutlich, welche Möglichkeiten der Wechsel des räumlichen Lernstandortes, der unmittelbare Austausch mit Zeitzeug*innen oder politischen Akteuren für die politische Bildung beinhaltet. Neue Fragen, Ansichten und Einsichten werden vor allem dort angeregt und befördert, wo das Programm auch Zeit einräumt für das Erleben, den Dialog und die Erfahrungsvermittlung an konkreten Orten, die Ereignisse vermitteln. Dabei sind die Übergänge zwischen den formellen und informellen Programmanteilen fließend, das beiläufige und unvorhergesehene Lernen findet die ganze Woche über statt, einfach, weil die Lerngruppe gemeinsam vor Ort ist und sich Anlässe zu Austausch, Diskussion und Nachfragen fortlaufend ergeben.

Wie ist so eine Programmwoche am sinnvollsten zu füllen? Wie sind Format und Inhalt am besten zu strukturieren? Als Richtwert für die Bildungsreisen der RLS hat sich bewährt, für die Programmwoche einen inhaltlichen und didaktischen Drittelmix zu realisieren. Der sich (idealtypisch) wie folgt einteilen lässt:

  • Thematische Vorträge bzw. Wissensvermittlung von „Expert*innen“ in Form klassischer Podiums- oder Seminarveranstaltung mit anschließender Diskussion. Hier geht es im Wesentlichen um den komprimierten Transfer von Hintergrundwissen zu politischen, kulturellen und historischen Kontexten zum jeweiligen Thema der Reisewoche bzw. der Reiseregion. Ziele sind die Herstellung gemeinsamer Wissensbezüge und die Angleichung von Wissensständen unter den Teilnehmenden ebenso wie die intellektuelle Begriffsarbeit zum Thema.
  • Geführte Rundgänge und Exkursionen, Besichtigungen von Museen, Ausstellungen und historischen Stätten, Besuche von Projekten und Initiativen vor Ort. Teilnehmende Beobachtung bei politischen Aktionen und Kampagnen. Über das Moment der Wissensvermittlung hinaus geht es hier vor allem darum, den Teilnehmenden unmittelbare Anschauung, Teilhabe und Partizipation zu ermöglichen, direkte Eindrücke zu vermitteln, konkrete Erlebnisse zu schaffen. Im Mittelpunkt steht so die aktive und reflexive Auseinandersetzung mit dem Veranstaltungsthema, in einem politisch und kulturell situierten Lernarrangement.
  • Diskussion und Austausch mit politischen Akteuren, Aktivist*innen und Zeitzeug*innen, in Form offener Gespräche oder in Interviews, wodurch wesentlich erfahrungsbasiertes Wissen vermittelt wird. Zudem der begleitende Dialog und die soziale Interaktion unter den Teilnehmenden über die gewonnenen Eindrücke und Informationen der Reise (Reflexionsrunden, Zwischenfazit, Abschlussrunde etc.). Hier geht es vor allem darum, eine Praxis gemeinsamer Kommunikation zu schaffen, die subjektive Perspektiven und Deutungen des Themas transparent und diskutierbar macht, die ein Lernen ermöglicht, das intellektuelles Wissen und konkrete Erfahrungen zusammenführt.

Reisend Lernen

Welche Themen stehen im Mittelpunkt von „Reisend Lernen“? Schwerpunkte der vergangenen Jahre waren Angebote zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen: Die Ursachen und Auswirkungen von Flucht und Migrationsbewegungen, die Krisen- und Demokratieproteste in Südeuropa, geopolitische Konflikte (z.B. Israel/Palästina, Katalonien) oder Reisen zu stadtpolitischen Entwicklungen in europäischen Metropolen. Zudem standen geschichtliche Themen im Mittelpunkt, hier insbesondere die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in Europa, antifaschistischer Widerstand oder die Widersprüche linker/sozialistischer Historie. Viele der Reisen werden gemeinsam mit Kooperationspartner*innen veranstaltet, das sind Nichtregierungsorganisationen, engagierte Bildungsträger oder soziale Bewegungen in den jeweiligen Regionen. Weiterhin werden in Zusammenarbeit mit den Auslandsbüros der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bildungsreisen angeboten.

Um abschließend noch einen Eindruck von Ablauf und Umsetzung der RLS Bildungsreisen zu geben, folgend zwei kurze Berichte, die exemplarische Einblicke in die Programmabläufe vermitteln sollen:

 

Kibbuz Zora, Israel, im November 2017:

Der Filmemacher Michael Kaminer, 1964 im Kibbuz Tzora geboren, stellt seinen Dokumentarfilm vor über die lange Zeit verschwiegene Geschichte seines Geburtsortes. Der Kibbuz ist 1949 auf den Ruinen eines palästinensischen Dorfes entstanden, das während des israelischen Unabhängigkeitskrieges im Juli 1948 zerstört wurde. Im Film kommen Kibbuz-Pioniere zu Wort ebenso wie palästinensische Zeitzeugen, die ihre persönlichen Geschichten und Sichtweisen schildern. Im Anschluss an den Film berichtet Kaminer von seiner Motivation, das Tabu der Zerstörung des Dorfes und der Vertreibung der Bewohner*innen zu benennen, das dem sozialistisch und humanistisch inspirierten Aufbau des Kibbuz vorausgegangen ist. Er berichtet von seiner Überzeugung, dass eine Versöhnung nur dann möglich ist, wenn beide Seiten das Narrativ der anderen Seite kennen und anerkennen. Kaminer führt die Teilnehmenden schließlich durch den Kibbuz, aber auch zu den noch verbliebenen Ruinen des palästinensischen Dorfes Sar’a. Er schildert dabei Ereignisse seiner Kindheit und Jugend, in denen das Geschehene immer wieder aufschien, aber niemals benannt wurde. Die Filmvorführung und der Besuch des Kibbuz Zora sind Bestandteil der von der RLS jährlich angebotenen siebentägigen Bildungsreise „Blicke über sichtbare und unsichtbare Zäune und Grenzen“ nach Israel und in das Westjordanland. Auf der Reise ist die mit dem Sechstagekrieg 1957 geschaffene physische Grenze zwischen Israelis und Palästinensern der Ausgangspunkt einer thematischen Auseinandersetzung, die darüber hinaus die soziale wie die kulturelle Spaltung in den Lebensrealitäten der israelischen und der palästinensischen Bevölkerung in den Mittelpunkt stellt.

Bei Begegnungen und Gesprächen mit zivilgesellschaftlichen Initiativen vor Ort, themenorientierten Exkursionen in den Regionen sowie Vorträgen von Expert*innen wird ein Einblick in die komplexe Realität Israels und Palästinas vermittelt. Während der Programmwoche auf beiden Seiten der Mauer findet nicht zuletzt ein politischer und kultureller Perspektivwechsel statt, der besonders das Lernen in Widersprüchen herausfordert. Im Mittelpunkt steht die Erfahrung der Teilnehmer*innen, dass ein häufig nur binär gedeuteter Konflikt nicht mit Entweder-Oder-Antworten zu fassen ist.

 

Athen, im April 2018:

Die Teilnehmer*innen der Bildungsreise „Griechenland und die Krise der europäischen Migrationspolitik“ besuchen das Hotel City Plaza, ein von rund 400 Geflüchteten, unter ihnen etwa 185 Kinder, bewohntes Gebäude im Zentrum der Stadt. Die Unterkunft ist vollständig selbstverwaltet, Geflüchtete und Aktivist*innen sorgen gemeinsam dafür, dass es drei Malzeiten täglich und eine grundlegende medizinische Versorgung gibt, dass Sprachkurse und Workshops angeboten werden, zudem betreiben sie ein öffentliches Café. Das 2016 besetzte Hotel, das seit mehreren Jahren leer stand, ist zum Symbol des Kampfes um die Rechte von Geflüchteten in Griechenland geworden. Wir sprechen mit Elena von der Kommunikationsgruppe der Unterstützer*innen, sie führt uns durch das Gebäude, berichtet über die Besetzungsgeschichte des Hauses, die Herausforderungen der Selbstorganisierung und die politischen Ziele des Projekts. Im Anschluss an den Rundgang durch das Gebäude und einem Infogespräch – die letzten formalen Programmpunkte an diesem Tag – verbleibt ein Großteil der Teilnehmer*innen noch im „City Plaza“. Im Café entstehen so spontane Gesprächsrunden mit den Bewohnern*innen, die von ihren Erfahrungen als Geflüchtete in Athen berichten, die über ihre Fluchtgeschichte oder ihre Zukunftspläne sprechen.

Griechenland wurde nach Schließung der „Balkan Route“ im Frühjahr 2016 damit konfrontiert, dass viele geflüchtete Menschen in dem von der Finanzkrise besonders betroffenen Land verbleiben mussten. Die Bildungsreise beschäftigte sich inhaltlich mit den sozialen und politischen Auswirkungen dieser europäischen Migrationspolitik auf Griechenland. Im Mittelpunkt standen dabei neben den repressiven Folgen für die geflüchteten Menschen insbesondere die Formen praktischer Solidarität in Athen sowie die Praxen der Selbstorganisierung von Geflüchteten. Neben Experten-Vorträgen von Politikwissenschaftler*innen, Jurist*innen oder Politiker*innen standen daher der Besuch von zivilgesellschaftlichen Projekten wie dem City-Plaza im Focus der Reise.

 

Fazit

Trotz der anspruchsvollen Vorbereitung, die inhaltlich wie organisatorisch erforderlich ist, um eine einwöchige Bildungsreise durchzuführen, zählt das Format für viele Landesstiftungen der RLS zum festen Bestandteil der politischen Bildung. Bildungsreisen, die an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen die vertiefende Bearbeitung eines Themas erlauben, die eine Vielzahl von Lernerfahrungen zusammenführen und vor Ort, anschaulich und konkret, Bildung vermitteln, sind vielfach nachgefragt. Zentral ist dabei die Möglichkeit für die veranstaltenden Landesstiftungen, diese Angebote auch als Bildungsfreistellung anbieten zu können. Teilnehmer*innen können oftmals erst mit der Wahrnehmung ihres Rechtsanspruches auf Freistellung von der Arbeit dieses umfangreiche Format der politischen Bildung realisieren.

Auch wenn nicht in allen Bundesländern der Rechtsanspruch besteht (Bayern & Sachsen), in manchen Bundesländern eine voraussetzungsvolle Trägeranerkennung verlangt ist (insb. BA-WÜ & NRW), wird eine Mehrheit der Bildungsreisen als Bildungsfreistellungsveranstaltung angeboten und dann auch von rund zwei Drittel der Teilnehmenden als solche wahrgenommen. Wie intensiv und nachhaltig diese Bildungszeit für Viele ist wird immer wieder während der Abschlussrunden deutlich, auf denen zum Ende der Woche die Eindrücke zusammengetragen werden und das Programm noch einmal Revue passiert. Vielfach wird die Erfahrung betont, dass das zeitliche und räumliche heraustreten aus (familiären) Alltag und Lohnarbeit, und damit die mehrtägige Begegnung mit dem Veranstaltungsthema, erst ein Lernen erlaubt hat, in dem neue Ansichten und Einsichten möglich wurden. „Reisend Lernen“ wird so oftmals zu einer Bildungserfahrung, die in Bildungsaktivität über die Reise hinausreicht. Die Landestiftungen der RLS wissen vielfach zu berichten, dass Teilnehmer*innen, viel Engagement und Interesse zeigen bei Besuch oder auch bei der eigenständigen Organisation von Bildungsveranstaltungen, die an das Thema der Bildungsreise anschließen. Das verwundert nicht, denn wo Teilnehmende das eigene berufliche Wissen bzw. das eigene politische Engagement in die Veranstaltung einbringen und mit neuen Erkenntnissen und Eindrücken konfrontiert werden, ist davon auszugehen, dass die Lerninhalte der Woche auch nachhaltig in die weitere berufliche Praxis oder das politische Engagement eingehen. Das gilt insbesondere dort, wo Veranstaltungen konfliktreiche politische Themen aufgreifen, die keine einfachen Antworten erlauben, die in eine widersprüchliche Historie eingebunden sind und emotional berühren. Hier kommt es besonders darauf an, dass in der Programmwoche genügend Raum für das Erleben, den Dialog und die Erfahrungsvermittlung eingeräumt wird. Freilich nicht ohne die intellektuelle Kritik und Begriffsarbeit als Element der politischen Bildung außen vor zu lassen. Dabei ist nicht zuletzt ein ausreichendes Maß an Bildungszeit die Voraussetzung, um ein Lernen zu ermöglichen, das die Teilnehmenden in ihrer gesellschaftlichen und politischen Handlungs-, Urteils- und Kritikfähigkeit weiter bestärkt.

 

Quellen und Literatur

Rosa-Luxemburg-Stiftung (2018): Jahresbericht 2018, Berlin

Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg (2015 - 2019): Sachberichte über die Verwendung der Zuwendungen der Behörde für Bildung und Sport der Freien und Hansestadt Hamburg, vertreten durch die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Hamburg

 

Andreas Merkens ist Referent für politische Bildung im Bereich Bundesweite Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er plant und koordiniert für und mit den Landesstiftungen der RLS politische Bildungsreisen.

Der Beitrag ist in dem  von Antje Pabst und Christine Zeuner im Februar 2021 herausgegebenen Sammelband"Fünf Tage sind einfach viel zu wenig." Bildungszeit und Bildungsfreistellung in der Diskussion" (Wochenschau Verlag) erschienen.  


[1] Im Jahr 2018 haben die Landesstiftungen der RLS rund 2.100 Veranstaltungen der politischen Bildung mit 91.500 Teilnehmer*innen durchgeführt (Rosa-Luxemburg-Stiftung, Jahresbericht 2018, S.30).

[2] Der Teilnahmebeitrag für eine einwöchige Bildungsreise im europäischen Ausland, liegt i.d.R. bei 400 bis 600 Euro. Der Betrag beinhaltet die Programmkosten und die Hotelkosten für sechs Nächte. Die Anreise ist eigenständig zu organisieren. Als Veranstalter von Bildungsangeboten sind die gemeinnützigen Landesstiftungen keine gewinnorientierten Reiseveranstalter.

[3] Im Folgenden wird der Begriff „Bildungsfreistellung“ verwendet, für den in den Ländergesetzen (mit Ausnahme von Bayern und Sachsen) festgeschriebenen Anspruch auf Arbeitnehmerweiterbildung.

[4] Die Teilnehmer*innen erhalten zum Abschluss der Bildungsreisen Evaluationsbögen, die von ihnen anonymisiert ausgefüllt werden. Abgefragt werden u.a. das Alter, Geschlecht u. Bildungshintergrund sowie Einschätzungen zum Programm der Bildungsreise etc. Die Angaben für den vorliegenden Beitrag basieren auf 190 Evaluationsbögen der RLS Hamburg, zu 11 Bildungsreisen im Zeitraum von 2013 bis 2019.